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Interview zum Krieg: „Putins Propaganda vergewaltigt die Köpfe der Menschen“

Aktualisiert: 22. Dez. 2022

Alexey Ivanov kam 1994 aus Moskau nach Deutschland. Kurz danach lernten wir uns kennen. Heute ist er längst in beiden Kulturen zu Hause und arbeitet als Zahnarzt in Ludwigshafen-Oggersheim. Aus einem Gespräch unter Freunden entstand dieses Interview über den Krieg. Warum Ukrainer für ihn Brüder sind, wie Putin die Sicht verzerrt - und warum auch in Alexeys Praxis Tränen fließen.


von David Schramm

Alexey in seiner Praxis. Bild: Schramm
 

Ich würde deinen Namen aus Sicherheitsgründen gerne anonymisieren…


Alexey: Das möchte ich nicht. Ich habe meine Meinung seit Kriegsbeginn klar geäußert, auch in sozialen Medien. Das allein könnte in der aktuellen Situation in Russland bereits bestraft werden. Mir ist wichtig, dass mein Name in diesem Zusammenhang erscheint. Ich möchte jedem zeigen, dass ich als Russe absolut gegen diesen Krieg bin und kein Verständnis dafür habe.


Ok, ich hab’s versucht. Dann starten wir. Könntest Du aktuell nach Russland reisen?


Alexey: Einreisen ist kein Problem, Ausreisen dagegen schon. Ich habe von Bekannten erfahren, dass immer mehr Leute Probleme bei der Ausreise haben. Es gibt momentan einen regelrechten Exodus. Besonders junge und gut ausgebildete Menschen verlassen das Land oder versuchen es zumindest. Am Flughafen sollen Geheimdienstmitarbeiter Ausreisende massiv unter Druck setzen, Personen werden befragt und Handys untersucht. Damit muss man rechnen. Es läuft eine regelrechte Angstkampagne gegen Menschen, die das Land verlassen wollen.


Stehst Du mit deinen Freunden und Bekannten in Russland in Kontakt?


Alexey: Ich habe mich immer mit Freunden über Whatsapp ausgetauscht. Einige meiner Freunde wurden von Ihren Arbeitskollegen darauf aufmerksam gemacht, stark darauf zu achten, was sie auf diesem Kanal schreiben. Es könne durchaus sein, dass Whatsapp-Nachrichten mitgelesen werden. Daraufhin ist unsere Gruppe in einen sichereren Chat umgestiegen.


Wie gehen deine Freunde in Russland mit dem Krieg um?


Alexey: Denen geht es ähnlich wie mir. Sie verstehen die Welt nicht mehr. Sie wünschen sich, dass Putin verschwindet und dass der Krieg endlich beendet wird.


"Vieles ist einfach erfunden."

Wer in Russland glaubt Putin?


Alexey: Ich kann mir vorstellen, dass Putins Argumentation für die ältere Generation eher nachvollziehbar ist. Sie sind mit anderen Paradigmen aufgewachsen. Viele Russen unterstützen den Krieg. Aber man muss klar sagen, dass das nur durch die beispiellose jahrelange Propaganda möglich geworden ist.


Du verfolgst die russischen Medien schon sehr lange. Wie hat sich die Berichterstattung verändert?


Alexey: Vor einigen Jahren entstand in Russland eine regelrechte Maschinerie, die eine Gehirnwäsche bei den Menschen betreibt. Putins Propaganda vergewaltigt die Köpfe der Menschen regelrecht, weil sie dauerhaft eine extrem verzerrte Sicht auf die Dinge gezeigt bekommen. Falsche Argumente, die mit der Realität nichts zu tun haben, falsche historische Fakten, einer verzerrte Sicht auf die Geschehnisse in der Ukraine selbst. Vieles ist einfach erfunden.


Mich wundert ehrlich gesagt nicht, dass Menschen Putin unterstützen, da sie schlichtweg keinen Zugang zu unabhängigen Informationen haben. Die wollen vielleicht auch gar nichts anderes, als diese vergifteten Nachrichten zu sehen. Viele unabhängige Medien, wie Radio- und Fernsehsender, hat Putin vernichtet. Aber im Internet eine totale Informationsblockade zu betreiben, ist unmöglich. Man kann in Russland unabhängige Informationen bekommen.


"Russland ist kein Nordkorea."

Wie hast Du dich gefühlt, als Du vom Krieg erfahren hast?


Alexey: Natürlich hatte ich eine Vorahnung, dass es wirklich zu einem Krieg kommen könnte. Als ich dann erfuhr, dass Russland tatsächlich einen Krieg begonnen hat, war ich wie unter Schock. Ich ging zu meiner Frau und sagte: ‚Das war‘s dann. Solange Putin an der Macht bleibt, werde ich nicht mehr nach Russland reisen‘.


Hast Du mit diesem Kriegsverlauf gerechnet?


Alexey: Mich hat ehrlich gesagt überrascht, dass die Ukrainer so zäh und standhaft sind. Ich bin davon ausgegangen, dass Russland nur Tage braucht, um die Ukraine einzunehmen. Aber das haben sie Gott sei Dank nicht hinbekommen. Ich bin sicher, dass Putin diesen Krieg bereits verloren hat.


Kann es eine Lösung ohne weiteres Blutvergießen geben?


Alexey: Nur wenn Russland nachgibt. Das wird aber schwierig, ohne dass Putin sein Gesicht vor der Bevölkerung verliert und das schwierigste würde wohl sein, ein mögliches Kriegsende als Sieg zu verkaufen. Verlierer werden in Russland nicht akzeptiert. Auch spannend ist, wie lange die russische Elite zuschaut, denn auch die sind vom Volk abhängig und viele Menschen sind sehr unzufrieden. Besonders in Anbetracht der wirtschaftlichen Lage und der Konsequenzen des Krieges auf die Lebensqualität. In Putins persönlichem Krieg gegen die Ukraine ist das Volk im Moment egal. Russland hat sich in wenigen Wochen in eine faschistische Diktatur verwandelt. Das muss man ganz klar sagen.


Man darf nicht vergessen, auch die Menschen in Russland haben Angst. Sie haben über 30 Jahre eine kontinuierliche Entwicklung und auch Öffnung erlebt. Russland ist kein Nordkorea. Die Menschen konnten die Welt bereisen, haben gespürt, was Freiheit und Wohlstand bedeuten. Jetzt steht das alles auf der Kippe. Das wird das Volk auf Dauer nicht akzeptzieren. Nur vorübergehend, mit Druck Gewalt und Lügen.


"Ich habe versucht, sie zu beruhigen. Wir haben uns umarmt."

Wie ist Dein Verhältnis zu Ukrainern in Ludwigshafen?


Alexey: Ich habe einige ukrainische Patienten und wir haben ukrainische Freunde. Wir haben uns immer als Einheit gesehen und nicht als Menschen unterschiedlicher Herkunft. Uns verbindet eine gemeinsame Kultur, zum Teil auch die gleiche Sprache. Wenn, dann machen wir vielleicht mal Späße über die Aussprache und lachen gemeinsam darüber.


Hat sich dein Verhältnis zu Ukrainern seit Kriegsbeginn verändert?


Alexey: Bislang haben wir keine negativen Auswirkungen gespürt, eher das Gegenteil. Eine ältere Patientin sagte mir, dass sie Verwandte in der Ukraine habe und fing an zu weinen. Sie wüsste nicht, ob sie ihre Verwandten jemals wieder sehen könne. Sie fragte mich, wieso das alles passiert. Ich habe versucht, sie zu beruhigen. Wir haben uns umarmt. Auch eine junge Frau aus Kiew war vor kurzem in der Praxis. Sie sieht mich nicht als Feind oder sonst irgendwas. Sie weiß auch, dass ich alles andere als ein Putin-Fanatiker bin. Angriffe oder Anfeindungen gegen mich oder meine Familie gab es zum Glück nicht.


In unseren Adern fließt das gleiche Blut. Das macht diesen Krieg so schlimm für mich. Die Ukrainer sind unsere Brüder und Schwestern, aber Putin missbraucht diese Tatsache auf eine ganz pervertierte Art und Weise. Es gibt unzählige familiäre Verbindungen. Ich habe von einem Fall gelesen, in dem sich Ukrainer im Bunker schützen müssen, während ein Verwandter in der russischen Armee dient. Das gibt es.


"Russland muss lernen, Reue zu zeigen!"

Was wünschst Du dir für Russland?


Alexey: Ich wünsche mir, dass Putin bald aus dem Amt verschwindet und dass ein Wandel stattfindet. In Russland fand nach dem 2. Weltkrieg trotz aller Gräueltaten unter Stalin keine ausreichende Verarbeitung statt. In Deutschland gab es die Stunde Null, einen Neustart. So etwas Ähnliches muss auch in Russland passieren. Was Putin macht, ist in meinen Augen ein Aufleben der schlimmen Zeit unter Stalin: Revanchismus („Eine politische Einstellung, die u.a. die gewaltsame Vergeltung für militärische und politische Niederlagen zum Ziel hat“, Anmerkung der Redaktion), der Träumerei von einem Imperium und vor allem das Nicht-Eingestehen von Fehlern. Wenn es in Russland keine ausreichende Verarbeitung gibt, dann auch keine Erneuerung. Russland muss lernen, Reue zu zeigen!


Zu guter Letzt?


Alexey: Es tut mir unendlich leid, dass mein Heimatland so viel Angst und Leid verbreitet. Auch die Drohung mit Nuklearwaffen ist ein absolutes No-Go. Viele Menschen in der Ukraine und auch in Russland sind nun seit Wochen in einem Albtraum gefangen. Ich frage mich jeden Morgen, wie geht es weiter? Das lässt mich auch nicht los.

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