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So entstand der Kangal-Film "Wenn Hirten Wölfe werden"

Der Kangal hat einen schweren Stand in Deutschland. Dieser Film erklärt warum, was passieren muss und zeigt, wie der Kangal tickt.


"Kangal: Wenn Hirten Wölfe werden": Der komplette Film wurde auf YouTube veröffentlicht.

Häufig werden Kangals von Menschen angeschafft, die nicht wissen, worauf sie sich einlassen und schnell mit einem so großen Hund überfordert sind. Der Weg vieler Kangals führt dann ins Tierheim. Der Kangal ist von Natur aus sehr intelligent und sozial – und alles andere als ein Problemhund. Dazu wird er durch falsche Haltung und Erziehung. Auch Hobbyzüchter, die ohne Fachwissen diese Tiere vermehren und gewissenlos an jedermann verkaufen, spielen bei dieser Entwicklung eine Rolle.


Experten wie Ergün Yildirim, VDH-Züchter, oder Kemal Altuntas, Gründer des Vereins Türkischer Herdenschutzhunde (VTH), sind Tag für Tag mit den Problemen rund um den Kangal konfrontiert – und wissen, wie Kangals ticken und welche Fehler begangen werden. Dieser Film soll über die Besonderheiten der Hunderasse aufklären, Bewusstsein schaffen und mit Missverständnissen aufräumen.


von David Lee Schramm


Trailer zum Film "Kangal: Wenn Hirten Wölfe werden"


Die Idee für diesen Film bekam ich, nachdem mir schon vor Jahren immer mehr Kangals im Stadtgebiet aufgefallen waren. Ich hörte auch spannende Geschichten, dass Kangals für den Kampf gegen Wölfe und Bären gezüchtet sind oder die stärkste Beißkraft aller Hunde haben. Als ich anfing, mich mit dem Thema näher zu beschäftigen, bemerkte ich schnell, dass sehr viele Kangals in Tierheimen leben – und das durchaus ein Thema ist, da mir einige Beiträge dazu im Internet begegneten.


Berichterstattung über Kangals einseitig und unehrlich


Dabei fiel mir ebenfalls auf, dass diese "seriösen" Beiträge größtenteils einseitig sind. Und dass das eigentlich mit Journalismus nicht viel zu tun hat. Denn Journalisten sollten doch zumindest die W-Fragen in einem Beitrag beantworten können, oder?


In vielen Beiträgen geht es darum, dass „Hirtenhunde“ in Tierheimen viel Kummer und Arbeit bereiten, dass Kangals aggressiv oder völlig verzogen sind usw. Doch warum ist das so? Wieso fragt beispielsweise der Norddeutsche Rundfunk (NDR) in seinem Beitrag „Kangals: Warum Hirtenhunde zum Problem für Tierheime werden“, erschienen Ende Februar 2023, nicht nach dem Warum? Oder nach Lösungen? Warum werden Hunde unter diesem Titel gezeigt, die offensichtlich keine Kangals sind? Warum wird eine ältere Frau interviewt, die einen Kangal adoptiert hat und überfordert ist?


Warum wurde der Hund überhaupt an sie vermittelt? Sollte das nicht die richtige Frage sein?

Dieser Bericht ist nur einer von vielen dieser Art, die ich in der deutschen Medienlandschaft gefunden habe. Ich frage mich, wem diese Art von "Jammerjournalismus" tatsächlich hilft? Am Ende gibt es in dieser Art von Berichterstattung in meinen Augen nur Einseitigkeit aber keine Ehrlichkeit.


In den Sozialen Medien begegnet mir oft ein ganz anderes Bild vom Kangal: Brutal aussehende Riesenkangals mit Stachelhalsbändern, die aggressiv wirken und gegen Tiere kämpfen. So stark, dass sie ausgewachsene Männer hinter sich herziehen. Es gibt unzählige Ranglisten, in denen der Kangal als der stärkste aller Hunde ausgezeichnet wird. Gerne verpackt in Shorts oder anderen gängigen Kurzformaten.


Tierheime und Tierschutzbund mauern

Ich bin überzeugt, dass Dialog und Aufklärung der beste Weg sind, um auf Missstände hinzuweisen und Dinge besser zu machen. Und natürlich wollte ich für meinen Film mit einem Tierheim sprechen, um deren Situation besser verstehen zu können. Aber eben auch mit türkischen Experten in Deutschland, die sich mit dem Kangal womöglich noch besser auskennen als Tierpfleger. Diese Aspekt war in meinen Augen der wichtigste für diesen Film.


Zahlreiche Mails, Telefonate, Video-Calls oder persönliches Vorstellen – am Ende sagten alle Tierheime ab oder die Personen waren plötzlich über Wochen nicht mehr erreichbar. Etliche Anfragen wurden gar nicht erst beantwortet. Auch der Deutsche Tierschutzbund, Dachverband vieler Tierheime, blieb mir trotz eines langen Telefonats eine Antwort über die Gesamtsituation der Kangals schuldig.


Die erste Anfrage an ein Tierheim hatte ich übrigens schon im März 2022 gestellt. "Ja, das ist ein Thema", wurde mir gesagt, wie später überall sonst auch. Ein Dreh sei wegen Personalmangel aber voraussichtlich erst in drei Monaten möglich, wenn überhaupt. Im Juni hieß es dann, dass sich die Situation nicht entspannt habe und: "Viel Erfolg an anderer Stelle."


Nichtsdestotrotz wurde klar: Kangals sind ein Thema in den Tierheimen. Das Zögern und Mauern machten das Thema ehrlich gesagt noch spannender, auch wenn ich es mir anders gewünscht hätte.


Es geht voran!

In der Zwischenzeit hatte ich über einen alten Schulfreund Yücel Celik kennengelernt. Er war selbst jahrelang Kangalhalter und ist großer Liebhaber dieser Hunderasse. Als ich ihm von der Idee erzählte, sagte er schnell seine Unterstützung zu. Ihm war klar, im Kangal-Geschäft läuft einiges schief, das Konzept überzeugte ihn. Yücel kontaktierte Kangalzüchter Ergün Yildirim und wir trafen uns einige Zeit später zu Dritt.



Yücel Celik stand uns mit Rat und Tat zur Seite. Foto: Celik

Ergün beschäftigt sich seit 25 Jahren mit der Zucht von Kangals. Er kommt aus der Provinz Sivas, in der das Dorf Kangal liegt, aus dem der Hund stammt. Er ist mit Kangals aufgewachsen. Ergün ist einer von aktuell zwei ausgewiesenen Kangalzüchtern beim Verein für das Deutsche Hundewesen (VDH). Hierfür hat Ergün jahrelang den Kangal studiert und auch viel Geld in die Hand genommen.


Da Ergün mit Tierheimen und vielen Haltern in Kontakt steht, kennt er die Lage der Kangals in Deutschland sehr gut. Er war sofort interessiert, einen objektiven und informativen Film über Kangals zu machen, um über die Situation aufzuklären und zu zeigen, was man einem Kangal bieten muss und wie dieser Hund wirklich tickt.


Für Ergün war aber auch klar, dass man mit einem Tierheim sprechen musste, um ein richtiges Bild von der Situation bekommen zu können. Doch genau das wollte einfach nicht klappen und die Wochen vergingen und ich lief gegen weitere Wände, ohne einen Schritt vorwärts zu kommen.


Ergün Yildirim, VDH-Kangalzüchter.

Kangal-Hündin mit Welpen. (Foto: Yildirim)

Kangal-Welpen beim Spielen mit Mama. (Video: Yildirim)


Ergün hatte bereits bei unserem ersten Treffen vom Verein Türkischer Herdenschutzhunde (VTH) gesprochen, in dem er selbst 2. Vorsitzender ist, doch ich hatte mich in den Gedanken verbissen, ein Tierheim für den Film gewinnen zu müssen. Glücklicherweise machte mich Ergün wieder darauf aufmerksam und vermittelte mich an Kemal Altuntas, den Gründer des Vereins.


Kemal hat sich zur Aufgabe gemacht, die Situation der Kangals in Deutschland zu verbessern und Ansprechpartner für Halter zu sein, die Probleme mit ihrem Hund haben. Kemal sagte ebenfalls sofort zu und bestärkte mich mit seiner Aussage, dass es vielleicht besser sei, dass ein Tierheim nicht dabei ist. „Du hast Dir da ein heikles Thema ausgesucht“, sagte er zu mir. Ja, das war mir mittlerweile auch klar geworden.



Kemal Altuntas, Gründer des Vereins Türkischer Herdenschutzhunde (VTH) Foto: Altuntas

Es war Zeit, den Gedanken an einen Dreh im Tierheim loszulassen und endlich konnte es losgehen! Neben Karl Schramm, meinem "Kameramann der Wahl" und Vater, konnte ich mich wieder auf Layouter Patrick Molnar verlassen, der einen fantastischen Job gemacht hat.


Irgendwo auch ein Familienprojekt: Mein Vater Karl Schramm und ich beim Dreh in Mannheim mit Hündin Luna. Foto: Yildirim

Hier ist das Resultat:



Versagt bei Haustieren das System oder gibt es überhaupt ein System?

Das Verständnis für die Zurückhaltung der Tierheime ist echt. Beim Thema Kangal geht es nicht nur um schlechte Erfahrungen und Vorurteile. Es geht auch um Kriminalität und schmutzige Geschäfte. In all den Gesprächen mit Tierheimen habe ich deutlich herausgehört, dass es Befürchtungen gibt, etwas falsches zu sagen oder zu zeigen.


Ebenfalls wurde klar, dass die Tierheime seit dem Haustierboom in der Corona-Pandemie aus allen Nähten platzen. Personell war die Lage überall angespannt und auch der Frust wegen der Kangals und anderen verzogenen Hunden spürbar.


Das komplette Haustiersystem in Deutschland habe ich als relativ willkürlich kennengelernt. Jeder kann sich im Prinzip einen Kangal kaufen. Jeder kann sie züchten. Es gibt Regeln, die aber nicht kontrolliert werden – ein typisch deutsches Problem. Tierheime sind meistens Vereine, die von Spenden leben. Dort arbeiten Menschen für wenig Geld und kümmern sich rund um die Uhr um Lebewesen, die von anderen unbedacht angeschafft und wie ein altes Auto weggegeben werden. Einige dieser Lebewesen werden das Tierheim nicht mehr verlassen.


Experten schließen kulturelle (Wissens-)Lücken

Es ist ein Film entstanden, der über das Schicksal vieler Kangals aufklären, zum Nachdenken anregen und einen Dialog fördern soll. Das wäre ohne diese türkischen Experten, die ihr Leben ein Stückweit dem Kangal widmen, so nicht möglich gewesen.

Den Kangal habe ich als sozialen, intelligenten und liebenswürdigen Hund kennengelernt. Er hat keine aggressive Natur. Bekanntermaßen gibt es aber auch Schreckensmeldungen, wie den tödlichen Vorfall im Jahr 2018 im Kreis Sigmaringen, als sich ein Kangal losriss, über den Zaun sprang und eine 72-jährige Passantin tötete. Auf dem Grundstück lebten noch weitere Kangals. Das ist wohl ein Musterbeispiel dafür, was falsche Haltung und fehlende Erziehung anrichten können. Probleme dieser Art entstehen ebenfalls mit anderen Hunderassen in Deutschland. Das darf man in dieser ganzen Diskussion nicht vergessen.

Kangals in der Türkei: frei, unabhängig, zuverlässig (Video: Yildirim)


Das Leben eines Kangals in der Türkei und in Deutschland lässt sich kaum vergleichen. Dennoch werden (zu) viele dieser Hunde unter falscher Erwartung angeschafft.


Um dieses Problem zu verstehen und die Situation zu verbessern, braucht es Experten wie Ergün, die die kulturelle Lücke mit ihrem Fachwissen schließen können. Menschen wie Kemal wischen das auf, was andere achtlos verschüttet haben.


Als Journalist würde ich mir wünschen, dass mehr mit diesen Menschen gesprochen wird, als einseitig die Perspektive der Tierheime einzufangen. Denn durch unausgesprochen Offensichtliches werden Vorurteile eher bestärkt, ist zumindest meine Meinung.


Vielleicht ist dieser Film ein Schritt für mehr Dialog und Bewusstsein in diesem Thema. Doch am Ende müssen rechtliche und politische Schritte getan werden, um das Leid der Tiere zu mindern und die Willkür im Haustiergeschäft besser zu regulieren. Hobbyzucht und Kontrollen scheinen aktuell eine absolute Grauzone zu sein.


Bis sich in dieser Hinsicht irgendetwas bessert, sind Menschen wie Kemal Altuntas und Ergün Yildirim zur Stelle und bieten ihre Hilfe an. Sie würden sich sehr freuen, wenn sie künftig weniger Wölfen begegnen, die eigentlich Hirten sind.






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